|
Homoerotik, so schreibt Elizabeth Hardwick, sei ein wiederkehrendes, musikalisches Thema im Werk Herman Melvilles. Sie hat der Melodie des Autors von "Moby Dick" aufmerksam gelauscht. Mehrere Jahre fuhr der 1819 in New York geborene Melville zur See, unter anderem als Matrose auf einem Walfänger. Hier erlebte er die Männerwelt, sammelte die Erfahrungen und Sehnsüchte, die seine Romane prägen. Zu seinen Lebzeiten blieb Melville die grosse Anerkennung versagt. Seine Südsee-Bücher "Taipi" und "Omu" sorgten zwar mit ihren Schilderungen von Kannibalismus für ein wenig Sensation. Doch schon sein 1851 fertig geschriebene "Moby Dick" fand kaum noch Beachtung. Entmutigt und finanziell am Ende, musste Melville eine Stelle beim Hafenzoll annehmen. Für ihn eine Hölle, die er auch seine Ehefrau und seine vier Kinder spüren liess. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod 1891 wurde seine Bedeutung als Schriftsteller entdeckt, wobei die homoerotischen Motive seines Werkes gern übersehen wurden. Es ist umso erfreulicher, mit welcher Offenheit Hardwick, die 86-jährige Grande Dame der "New York Review of Books", ihnen nachspürt. Ihr Essay verknüpft das Leben und die Romane Melvilles zu einem erhellenden Ganzen und lässt die Geheimnisse um Melville doch intakt. Dies ist umso lesenswerter, als es die derzeit einzige Biografie zu Melville in deutscher Sprache ist.
|