|
Mit seinem neuen Buch bringt Pirmin Meier die längst fällige Aufarbeitung von Leben und Werk des Quasigründers der modernen Schwulenbewegung: Der Glarner Hutmacher Heinrich Hössli (1784-1864) hinterliess uns ein feuriges Plädoyer für die Männerliebe. Angeregt zu diesem Werk hat ihn die im Jahre 1817 in Aarwangen vollstreckte Hinrichtung von Franz Desgouttes, einem Anwalt aus Langenthal, der aus Eifersucht seinen Gehilfen ermordet hatte. Obwohl Meier sein Werk als "Parallelbiografie" bezeichnet, werden die beiden Lebensgeschichten in zwei mehr oder weniger eigenständigen Teilen abgehandelt. Im Falle von Desgouttes kann Meier auf ein umfangreiches Quellenmaterial zurückgreifen, das ihm bei Hössli offensichtlich fehlt. Desgouttes' Lebensgeschichte nimmt denn auch den grösseren Teil des Buches ein und wirkt namentlich in den Szenen mit seinem Geliebten etwas langatmig. Hösslis Lebensgeschichte wurde bereits 1903 vom Berliner Insektenforscher und Schwulenhistoriker Ferdinand Karsch-Haack erstmals aufgearbeitet und veröffentlicht. Das dort zitierte Quellenmaterial ist verschollen. Meier ist dadurch gezwungen, vor allem auf Karsch-Haack zurückzugreifen, und zeichnet eine Hössli-Figur, die ganz dem Bild der "sexuellen Zwischenstufe" zu Beginn des 20. Jahrhunderts entspricht. Als erster, leider völlig wirkungsloser schwuler Befreiungskämpfer, hat Hössli eine gewisse Bedeutung - in ihm einen verkannten Philosophen ersten Ranges zu sehen, lässt sich aus seinem Werk allerdings nicht ableiten. Pirmin Meier versteht es ausgezeichnet, das geistige, gesellschaftliche und politische Umfeld seiner Protagonisten in der provinziellen Schweiz des 19. Jahrhunderts aufleben zu lassen.
|