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Es war zu erwarten, dass sich im Nachlass von Detlev Meyer, dem 1999 verstorbenen Berliner Autor, noch ein publizierbares Romanmanuskript befindet. Jetzt hat es der Aufbau-Verlag unter dem Titel "Das Sonnenkind" herausgegeben, und wer Meyers Bücher kennt, ist etwas überrascht: Keine Szene-Literatur, sondern ein Buch über den Alltag eines neunjährigen Jungen im Berlin der Nachkriegszeit erwartet uns. Meyer hat sich in den letzten Monaten vor seinem Tod offenbar an seine eigene Kindheit erinnert und aus dieser Rückschau einen wunderbar leichten, zarten Text geschrieben. Ohne in eine Melancholie über den nahenden Tod zu verfallen, blickt der Autor durch die Kinderaugen des kleinen Carsten, sieht seine Familie und seine Umgebung, die für den Jungen aus dem Stadtteil Neukölln besteht. Manchmal darf er mit dem Grossvater aus dieser Welt ausbrechen und wird von ihm auf den Kudamm zum Eisessen eingeladen. Sonst aber ist die Strasse, in der er wohnt, sein Universum. In den wenigen Häusern spiegelt sich das gesamte Leben, es wird geliebt, fremdgegangen, gearbeitet und geschimpft, aber auch gestorben. Der Verlust des Grossvaters zeigt Carsten, dass auch der Tod ein Teil des Lebens ist. "Sonnenkind" ist kein typisches Detlef-Meyer-Buch. Viele seiner Themen sind ganz ausgespart oder nur versteckt enthalten. In der Tonlage, dem fein gesponnenen Humor und dem sicheren Stil seiner Prosa, ist es aber dennoch ein Werk, wie es nur ihm gelingen konnte. Schon mit "In meiner Seele ist schon Herbst" hat er sich mit vergangenen Zeiten beschäftigt und die Aktualität für einmal beiseite gelassen. In "Sonnenkind" allerdings scheint uns der Autor viel direkter anzusprechen, und es ist zu vermuten, dass er uns durch Carsten seinen eigenen Blick auf das Leben darlegen wollte. Meyer hat uns noch einmal gezeigt, dass er auch ausserhalb der schwulen Thematik ein grosser Schriftsteller war.
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